Bastion


Eine Bastion oder Bollwerk, oberdeutsch auch Bastei[1] genannt, ist eine Anlage, die aus der Linie eines Festungswalls vorspringt und deren Aufgabe es war, den Raum unmittelbar vor dem Wall, den die Verteidiger von der Brustwehr aus nicht unmittelbar einsehen können, seitlich bestreichen (d. h. erreichen) zu können. Bastionen haben in einer neuzeitlichen Festung die gleiche Funktion wie die Türme einer antiken oder mittelalterlichen Stadtmauer. Sowohl der Turm als auch die Bastion stellen unabhängig von ihrer äußeren Form den flankierenden Teil eines Festungswalls dar.

Das Wort Bastion ist vom italienischen bastione[2] abgeleitet, der Stab, Posten oder übertragen Pfeiler bedeutet, wobei zwischen den vorspringenden Pfeilern (Risalto oder Bastione) der schützende Hauptwall wie ein Vorhang (cortinaKurtine) aufgespannt ist. Von anderen flankierenden Befestigungswerken, etwa viereckigen Türmen oder kreisförmigen oder halbrunden Rondellen, unterscheidet sich eine Bastion dadurch, dass sie auf der Feindseite zwei Vorderseiten („Facen“) besitzt, die sich spitz im sogenannten Bastionswinkel (frz. saillant)[3] treffen, und auf beiden Seiten je eine Flanke oder Streiche, die das Bollwerk mit der Kurtine verbindet. Eine Bastion besitzt demnach in etwa den Grundriss eines Pentagons. In der Umgangssprache werden häufig auch anders gestaltete Bollwerke als „Bastion“ bezeichnet.[4]

Als halbe Bastion bezeichnet man ein Bollwerk, das nur eine Face und nur einen Schulterpunkt besitzt. Der Übergang von den Facen zu den Flanken wird Schulterpunkt genannt. Ein Hornwerk setzt sich immer aus zwei halben Bastionen zusammen.

Aus einer Bastion konnte man nach außen mit den Facengeschützen das Vorfeld mit Feuer bestreichen und die feindliche Artillerie auf Distanz halten, während die Flankengeschütze zunächst primär der Grabenverteidigung dienten, weshalb die Flanken stets auf die Bastionsspitze der jeweils nächsten Bastion ausgerichtet sind. Die Bastionsflanken können gerade oder konkav eingezogen sein; sie können allerdings auch zurückgezogen und mit mehreren kasemattierten Feueretagen versehen sein, die durch den äußeren (feindwärtigen) Teil der Flanke gedeckt werden. Der Schulterpunkt kann eckig oder abgerundet gestaltet sein; er kann aber auch die Flanke überragen, um dadurch die Geschütze in der Flanke besser gegen direkten feindlichen Beschuss abzudecken. Aus der Flanke hervorragende, die Face (wörtlich „Gesicht“) dadurch zugleich verbreiternde Schutzwälle werden Bastionsohr (frz. Orillon) genannt.[5][6][7]


Saillant einer Bastion der Zitadelle von Pula
Altitalienische Manier: von Antonio da Sangallo il Vecchio (1444–1534) ab 1492 zur Zitadelle von Rom umgebaute Engelsburg, fünf Bastionen mit Orillons.
Sehr hohe gemauerte Bastion hinter der Burg von Nürnberg, erbaut 1538–1545 von Antonio Fazuni: ohne Orillons, aber mit einziehenden (rückweichenden) Flanken, die von Tenaillen gedeckt bzw. verstärkt wurden.
Idealtypisches Beispiel der altitalienischen Manier (um 1500): hohe gemauerte Bastionen mit Orillons, dazwischen eine sehr lange Kurtine, die nur durch eine kleine „Zwischenbastion“ (als Vorläufer des Ravelins) gedeckt wird. Hinter dieser ist für die Aufstellung zusätzlicher Geschütze ein „Kavalier“ aufgeworfen.
Idealtypisches Beispiel der neuitalienischen Manier, 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts: Der pfeilspitzenförmige Grundriss ergibt sich aus den Schussbahnen der in den zurückgezogen Flanken der Bastionen postierten Kanonen. Diese werden durch das Orillon (a) gedeckt. Die Kurtine wird durch ein Ravelin geschützt (b). Das Frontalfeuer wird durch Geschütze verstärkt, die auf dem Kavalier (c) auf den Bastionen stehen.
Bastionen nach der (alt-)niederländischen Manier: gefüllte Bastion (1), hohle Bastion (2), Aufgang bzw. Wallrampe (3), Niederwall oder Fausse-Braie (4), Flanke (5), Kehle (6), Face (7), Saillant (8), Kurtine (9), Festungsterrain (10).
Die kleine Festung Naarden in der niederländischen Provinz Nord-Holland als typisches Beispiel für die neu-niederländische Manier: abgeknickte Kurtine, deutlich getrennter Hoch- und Niederwall, Bastionen mit gekrümmten, meist doppelten Flanken und hohen gemauerten „Schultertürmen“[8], die praktisch die Funktion der Orillons übernehmen.
Die von Marschall Sébastien Le Prestre de Vauban (1633–1707) neu angelegte Festung Neuf-Brisach als Beispiel für den französischen Festungsbau des späten 17. Jahrhunderts (nach dessen 3. Manier, die vor allem durch breite Tenaillen, Reduits in den Ravelins und detachierte Bastionen gekennzeichnet ist). Mit dem Hauptwall verbunden blieben nur noch die bastionierten Türme, die auch als Reduits für die detachierten Bastionen dienten. Der Zugang zu den Ravelins wird durch Grabenkoffer gedeckt. Die Vorstadt am Kanal (links) wird durch ein großes Kronwerk geschützt.
Die noch vollständig nach dem (französischen) Bastionärsystem befestigte Stadt Genf im Jahr 1841. Die Stadtumwallung setzt sich nur aus Bastionen und Ravelins zusammen, die durch breite Vorwälle (frz. contre-garde) gedeckt werden. Die gesamte Befestigung wird von einem gedeckten Weg und der Glacis umschlossen.