Bilanzwahrheit


Bilanzwahrheit ist im Rechnungswesen ein auf den Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung beruhender Bilanzierungsgrundsatz, der auf die materielle (inhaltliche) Richtigkeit, Vollständigkeit und Willkürfreiheit eines Jahresabschlusses abzielt.

Die Frage nach dem Begriff der Wahrheit gehört zu den zentralen Problemen der Philosophie und wurde von den verschiedensten Schulen und Denkern unterschiedlich beantwortet. Die Wissenschaften verwenden als Kriterium für Wahrheit die Beobachterunabhängigkeit oder – nach einem moderneren Konzept – die Widerspruchsfreiheit zum Beobachtbaren. Der Bilanzwahrheit kann man sich in diesem Sinne nur nähern, wenn man die handels- und bilanzrechtlichen Einflussgrößen berücksichtigt. In Deutschland bestehen umfangreiche handels- und steuerrechtliche Bilanzierungs- und Bewertungswahlrechte, die einer absoluten Bilanzwahrheit entgegenstehen. Absolute Bilanzwahrheit würde bedeuten, dass der Jahresabschluss die Unternehmensverhältnisse und Unternehmensdaten so reflektiert, wie sie sich am Bilanzstichtag tatsächlich darstellen. Dies wird bereits durch die Anwendung des strengen Niederstwertprinzips verhindert. Es verlangt, dass die tatsächlichen Anschaffungs- oder Herstellungskosten eines Vermögenswerts bilanziert werden müssen, sofern der am Bilanzstichtag vorhandene Wert höher ist. Umgekehrt sind die Anschaffungs- oder Herstellungskosten bedeutungslos, wenn der entsprechende Stichtagswert niedriger ist (§ 253 Abs. 3 und 4 HGB). Wegen der Vielzahl derartiger Bewertungswahlrechte kann deshalb lediglich von einer relativen Bilanzwahrheit ausgegangen werden.

Der Grundsatz der Richtigkeit (§ 239 Abs. 2 HGB) ist erfüllt, wenn der Jahresabschluss nach den gültigen gesetzlichen Regeln erstellt wurde sowie die Werte und Wertansätze in nachprüfbarer, objektiver Form aus ordnungsgemäßen Belegen und Büchern herzuleiten sind. Die einzelnen Positionen müssen den Tatsachen entsprechen und die Werte nach den sonstigen Grundsätzen ordnungsmäßiger Bilanzierung ermittelt worden sein. Der Jahresabschluss von Kapitalgesellschaften hat nach § 264 Abs. 2 HGB unter Beachtung der Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage zu vermitteln.

Einen konkreten Inhalt erhält das Kriterium der Richtigkeit allerdings erst durch die zum Normensystem von Buchführung und Abschluss gehörenden gesetzlichen/steuerlichen Einzelnormen.