Camorra


Als Camorra, auch bekannt als Bella Società Riformata, Società dell’Umirtà, Onorata Società[1][2] oder Il Sistema, werden organisierte kriminelle italienische Familienclans in Neapel und der Region Kampanien bezeichnet. Die Camorra ist eine der ältesten und größten kriminellen Organisationen in Italien und besteht seit dem 16. Jahrhundert. Im Gegensatz zur sizilianischen Cosa Nostra und der kalabrischen ’Ndrangheta mit ihrem überwiegend ländlichen Operationsfeld agiert die Camorra vorwiegend von Neapel und dem Umland aus. Die Camorra besteht aus autonomen Clans und ist daher auch nicht wie die Cosa Nostra vertikal, sondern horizontal organisiert.[3]Zulauf erhält die Camorra vor allem aufgrund der – besonders unter Jugendlichen – hohen Arbeitslosigkeit. Sie bietet ihnen (statistisch nicht erfasste) Arbeit an; überhaupt ist die Schattenwirtschaft eine bedeutende ökonomische Kraft der Stadt.

Die Ursprünge der Camorra sind bis heute nicht ganz klar. Man nahm bisher an, dass sie seit dem 16. Jahrhundert als direkter Nachkomme einer spanischen Geheimgesellschaft namens „Garduña“ zurückreichen, welche im Jahr 1417 gegründet wurde. Jüngste historische Forschungen in Spanien legen jedoch nahe, dass die Garduña nie wirklich existierte und nur auf einem fiktiven Buch aus dem 19. Jahrhundert basieren würde.[4]

Die Herkunft des Wortes „Camorra“ ist unklar,[5] es gibt jedoch zahlreiche Theorien. Die erste offizielle Verwendung des Wortes soll aus dem Jahre 1735 stammen, als eine königliche Verfügung die Einrichtung von acht Spielhöllen in Neapel zuließ. In dem besagten offiziellen Dokument ist die Rede von Camorra avanti palazzo, damit meinte man eine Spielhölle in der Nähe eines Palasts.[6] Daher ist das Wort nahezu zweifellos eine Mischung aus „Capo“ (Chef) und einem neapolitanischen Straßenspiel namens „Morra“.[7][8] Sprich: capo-morra, abgekürzt ca‘ morra.

Möglicherweise leitet es sich auch von einem nach Neapel geflohenen und dort inhaftierten spanischen Verbrecher namens Gamur her. Die gamurri waren kastilische Banditen. Das spanische Wort kamora bedeutet Protest und Schlägerei. Im Altneapolitanischen bezeichnete der Begriff camurra (auch: gamurra oder gammurra) ein mittelalterliches Frauengewand (ähnlich der gamurra im Toskanischen Dialekt). Camorristi wären dann Blusenträger (ein anderer Begriff für das Proletariat). Die spätere chamarra (auch gomurra) war ein weites, langes Gewand der Spanier.

Synonyme für Camorra waren La Società dell’Umirtà, Onorata Società und Bella Società Riformata. Nach dem Schriftsteller und Camorra-Experten Roberto Saviano spricht man in Neapel heute nicht mehr von der Camorra, sondern von il sistema (das System).[9]

„Dissi di una simil setta. La camorra infatti, nel significato generale del vocabolo, designa ben altro che l’associazione […] Il vocabolo si applica a tutti gli abusi di forza o di influenza.
Far la camorra, nel linguaggio ordinario, significa prelevar un diritto arbitrario e fraudolento.“


Ein Guappo in typischer Erscheinung, Ende des 19. Jahrhunderts
Camorristi in Neapel, 1906
Führungsstruktur der NCO