Deutsches Kaiserreich


Deutsches Kaiserreich ist die retrospektive Bezeichnung für die Phase des Deutschen Reichs von 1871 bis 1918 zur eindeutigen Abgrenzung gegenüber der Zeit nach 1918. Im deutschen Kaiserreich war der deutsche Nationalstaat eine bundesstaatlich organisierte konstitutionelle Monarchie.[1]

Die deutsche Reichsgründung erfolgte mit Beginn der Wirksamkeit der neuen Verfassung zum 1. Januar 1871.[2] Sie wurde durch ein wenig spektakuläres, geheim vorbereitetes militärisch-höfisches Zeremoniell inszeniert, die Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles.[3] Währenddessen befand sich das Kaiserreich noch im Deutsch-Französischen Krieg. Auf kleindeutscher Grundlage und unter der Herrschaft der preußischen Hohenzollern war damit erstmals ein deutscher Nationalstaat entstanden. Hauptresidenz des deutschen Kaisers und preußischen Königs war das Berliner Schloss.

Während der Zeit des Kaiserreichs war Deutschland wirtschafts- und sozialgeschichtlich geprägt durch die Hochindustrialisierung. Ökonomisch und sozial-strukturell begann es sich besonders ab den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vom Agrar- zum Industrieland zu wandeln. Auch der Dienstleistungssektor gewann mit dem Ausbau des Handels und des Bankwesens wachsende Bedeutung. Das auch durch die französischen Kriegsreparationen nach 1871 verursachte Wirtschaftswachstum wurde durch den sogenannten Gründerkrach von 1873 und die ihm folgende langjährige Konjunkturkrise zeitweilig gebremst. Trotz erheblicher politischer Folgen änderte dies nichts an der strukturellen Entwicklung hin zum Industriestaat.

Kennzeichnend für den gesellschaftlichen Wandel war eine stark international orientierte Reformbewegung, in deren Verlauf die soziale Frage mit Armutsskandalisierung und -bekämpfung vorangetrieben wurde, Frauen forderten verbesserte Bildungschancen und das Wahlrecht.[4] Strukturelle Grundlage dieser Veränderungen waren neben der Massenpolitisierung ein rapides Bevölkerungswachstum, Binnenwanderung und Urbanisierung. Die Gesellschaftsstruktur wurde durch die Zunahme der städtischen Arbeiterbevölkerung und – vor allem in den Jahren ab etwa 1890 – auch des neuen Mittelstandes aus Technikern, Angestellten sowie kleinen und mittleren Beamten wesentlich verändert. Dagegen ging die wirtschaftliche Bedeutung des Handwerks und der Landwirtschaft – bezogen auf deren Beiträge zum Volkseinkommen – eher zurück.

Die innen- und außenpolitische Entwicklung wurde bis 1890 vom ersten und am längsten amtierenden Kanzler des Reiches bestimmt, Otto von Bismarck. Dessen Regierungszeit lässt sich in eine relativ liberale Phase, geprägt von innenpolitischen Reformen und vom Kulturkampf, und eine eher konservativ geprägte Zeit nach 1878/79 einteilen. Als Zäsur gelten der Übergang zum Staatsinterventionismus (Schutzzoll, Sozialversicherung) sowie das Sozialistengesetz.


Wilhelm I (1797–1888) war nach der Deutschen Reichsgründung 1871 der erste Deutsche Kaiser.
Jubelnde Revolutionäre nach Barrikadenkämpfen am 18. März 1848 in Berlin (Kreidelithographie eines unbekannten Künstlers)
Otto von Bismarck und Frankreichs Kaiser Napoleon III. nach der Schlacht bei Sedan (nach einem Gemälde von Wilhelm Camphausen von 1878)
In der Reichshauptstadt war das Berliner Schloss, 1897 mit dem Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal geschmückt, die Residenz Kaiser Wilhelms II.
Verwaltungsgliederung (1. Januar 1900)
Wappen und Flaggen im Jahr 1900
Vereinfachte graphische Darstellung der Reichsverfassung, so gab es keine „Reichsregierung“ mit verantwortlichen Ministern im Wortsinn, sondern nur eine „Reichsleitung“ aus dem Reichskanzler untergeordneten Staatssekretären
Alternatives Schaubild mit den wichtigsten Organen des Kaiserreiches
Adolph Menzel: Das Ballsouper, 1878
Kaiser Wilhelm (Mitte) und seine Heerführer (Postkarte von 1915):
Kluck, Emmich (Ecken oben links und rechts);
Bülow, Kronprinz Rupprecht, Kronprinz Wilhelm, Herzog Albrecht, Heeringen (1. Reihe);
François, Beseler, Hindenburg, Stein (2. Reihe);
Tirpitz, Prinz Heinrich (3. Reihe);
Lochow, Haeseler, Woyrsch, Einem (4. Reihe);
Mackensen, Ludendorff, Falkenhayn, Zwehl (5. Reihe)
Bevölkerungsdichte des Deutschen Reiches
Industrie, Bergwerke und Hütten
Landwirtschaft
Konfessionskarte (evangelisch/katholisch) des Deutschen Reiches (ca. 1890)
Verbreitung der israelitischen Religion im Deutschen Reich (ca. 1890)
Konfessionskarte nach Meyers Konversationslexikon, ca. 1885
Muttersprachliche Minderheiten des Deutschen Reiches je Kreis
Propagandapostkarte des Flottenvereins
Entwicklung der Gewerkschaften in Deutschland nach ihrer politischen Richtung, 1887–1914
Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica um 1895
Otto von Bismarck (1815–1898)
Der Chef des Reichskanzleramtes Rudolph von Delbrück, Porträt von Gottlieb Biermann (1875)
Karikatur von Wilhelm Scholz zur Beendigung des Kulturkampfes. Papst Leo XIII. und der Reichskanzler fordern sich gegenseitig zum Fußkuss auf. Im Hintergrund beobachtet Ludwig Windthorst, Vorsitzender der Zentrumspartei, das Geschehen durch den Vorhang. Bildunterschrift: Pontifex: „Nun bitte, genieren Sie sich nicht!“ Kanzler Bismarck: „Bitte gleichfalls!“ Aus: Kladderadatsch, Nr. 14/15 (18. März 1878)
Eisenwalzwerk (Ölgemälde von Adolph Menzel 1872–1875)
Schilderung von Teuerung und Maßumstellung auf einem Berliner Grab
„Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ (Reichsgesetzblatt Nr. 34/1878)
Der führende nationalliberale Politiker Rudolf von Bennigsen (Holzstich um 1871)
Zeitgenössisches Schaubild zu den Einnahmen, Ausgaben und Leistungen der Sozialversicherungen zwischen 1885 und 1909
Zentrumspolitiker Ludwig Windthorst
Deutscher Kolonialherr in Togo (ca. 1885)
  • Deutsches Kaiserreich
  • Deutsches Kolonialreich (1914)
  • Deutsche Kolonien 1910 (zeitgenössische Karten)
    „Wir Deutsche fürchten Gott, sonst Niemand auf der Welt.“ (Zitat einer Rede Bismarcks vor dem Reichstag am 6. Februar 1888; Propagandadruck, zeitgenössische Kreidelithographie)
    Friedrich III.
    Wilhelm II. regierte von 1888 bis 1918 als dritter Deutscher Kaiser
    Die Punch-Karikatur Dropping the Pilot (dt. meist „Der Lotse geht von Bord“) von Sir John Tenniel zur Entlassung Bismarcks 1890
    „Die Februarerlasse“. Idealisierte Darstellung Wilhelm II. und des Anspruchs auf ein „soziales Kaisertum“ (Neuruppiner Bilderbogen von 1890)
    Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (Porträt von Franz von Lenbach, 1896)
    Großadmiral Alfred von Tirpitz
    Verabschiedung des deutschen Ostasien-Expeditionskorps zur Niederschlagung des „Boxeraufstands“. – Kaiser Wilhelm II. bei seiner Ansprache („Hunnenrede“)
    „The Germans to the front…“ (idealisierende Darstellung der deutschen Rolle während des Boxeraufstandes auf einer zeitgenössischen Postkarte)
    Reichstagssitzung 1905 (Gemälde von Georg Waltenberger)
    Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg
    Wilhelm II. im Jahr 1905 (Bildpostkarte)
    Entente und die Mittelmächte 1916
    Australische Soldaten im Chateauwald bei Ypern 1917
    Die 3. Oberste Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff
    „Der Kaiser hat abgedankt. […] Das alte und morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik!“[153] Der SPD-Politiker Philipp Scheidemann ruft auf dem Westbalkon des Reichstages (zweites Fenster nördlich des Portikus) am 9. November 1918 die Republik aus.
    Flucht Wilhelms II. am 10. November 1918: Der vormalige Kaiser (Bildmitte bzw. vierter von links) auf dem Bahnsteig des belgisch-niederländischen Grenzübergangs Eysden kurz vor seiner Abreise ins niederländische Exil
    Heinrich von Sybel