Elfenbeinschnitzerei


Elfenbeinschnitzerei ist die Kunst, durch Schnitzen und andere Techniken wie Schaben, Bohren, Ritzen (Gravieren) aus Elfenbein Skulpturen, Reliefs, Ornamente und kunsthandwerkliche Arbeiten herzustellen.

Schnitzereien aus Elfenbein des Wollhaarmammuts gehören wegen der Dauerhaftigkeit des Materials zu den ältesten Zeugnissen jungpaläolithischer Kleinkunst, während Gegenstände aus anderen, ebenfalls leicht zu bearbeitenden aber vergänglichen Rohstoffen, wie etwa Holz, meist nicht die Zeiten überdauert haben. Die Herstellung von Skulpturen und Schmuck begann in der altsteinzeitlichen Kultur des Aurignacien, parallel zur Fertigung von Speerspitzen, seit dem Gravettien auch von Nadeln und Pfeilspitzen. Die zugehörigen Schnitzwerkzeuge waren Klingen, Bohrer und Stichel aus Feuerstein, was durch Bearbeitungsspuren an den Gegenständen belegt ist. Spätere Generationen benutzten Werkzeuge aus Metall. Abgesehen vom verbesserten Klingenmaterial hat sich über die Jahrtausende hinweg die Technik der Elfenbeinschnitzerei wenig gewandelt. Prägend auf allen Kulturstufen der Menschheit waren die handwerklichen Fähigkeiten des Schnitzers und sein künstlerisches Verständnis. Auch das Aufkommen der Maschinen änderte hieran nichts. Sie erweiterten die Möglichkeiten bis hin zu Drechselarbeiten und zur Spielerei der sogenannten Wunderkugeln, die ohne Drehbank nicht herzustellen wären. Zu den traditionellen Werkzeugen der Elfenbeinbearbeitung traten hochtourige Präzisionswerkzeuge (Bohrschläuche, Fräsen), wie sie auch vom Zahnarzt benutzt werden.

Als früheste figürliche Abbildung eines Menschen weltweit gilt die 6 cm große Venus vom Hohlefels aus Mammut-Elfenbein, für die ein Alter zwischen 35.000 und 40.000 Jahren angenommen wird. Sie wurde 2008 in einer Höhle der Schwäbischen Alb entdeckt.

Ebenfalls aus Mammut-Elfenbein besteht der Löwenmensch,[1] dessen Einzelteile ab 1939 im Hohlenstein-Stadel, einer Höhle im Lonetal, aufgefunden wurden. Die 31 cm große Figur ist die erste dreidimensionale Darstellung eines Mischwesens mit tierischen und menschlichen Merkmalen.

Als weitere bekannte Elfenbein-Kleinkunst der Schwäbischen Alb sind die einige Jahre vor dem Löwenmenschen ausgegrabenen 11 Tierskulpturen aus den Vogelherdhöhlen[2] zu nennen, die mit einem Alter von 32.000 Jahren ebenso alt sind wie der Löwenmensch. In der nur wenige Kilometer entfernten Höhle Geißenklösterle konnte 1988 eine Flöte aus Mammutelfenbein geborgen werden, die als ältestes Musikinstrument der Welt gilt. Unter den Tierdarstellungen befinden sich ein Wildpferd und ein Mammut.

Bei Grabungen im Siedlungsbereich La Madeleine in Frankreich entdeckte man bereits 1863 neben Schmuck und anderen Kleinkunstwerken einen 10 cm großen und etwa 15.000 Jahre alten Steppenwisent aus Elfenbein. Auch bei der archäologischen Sicherung der Pfahlbauten an den Ufern der alpennahen Seen wurden Elfenbeinschnitzereien zutage gefördert.


Detail einer Schwertscheide, japanisch
Elfenbeinstatuette, ca. 1300 v. Chr.
Kolossalstatue (Gold/Elfenbein) der Athene von Phidias, etwa 450 v. Chr., Original zerstört. Nachbildung von Alan LeQuire, 1990, im maßstabgetreu rekonstruierten Parthenon
Teil eines Elfenbeinfrieses, Trajans Feldzug gegen die Parther 114–117 v. Chr.
Buchdeckel des Lorscher Evangeliars, karolingisch, ca. 810 n. Chr.
Buchdeckel des Goldenen Evangeliars von Echternach, 11. Jh.
Büste Voltaires von Jean-François Rosset, Frankreich 18. Jh.
Das frühere Deutsche Elfenbeinmuseum (bis 2015)
Statuette der Göttin Lakshmi, 1. Jh. n. Chr., gefunden bei Ausgrabungen in Pompeji
Buddha, Ming-Dynastie (1368–1644)