Schatten (Mythologie)


Schatten ist in den mythologischen Vorstellungen vieler Kulturen ein Begriff für das Spiegelbild der Seele, für das „zweite Ich“ des Menschen, für dessen Doppelgänger oder Ebenbild, das meist in einem jenseitigen „Reich der Schatten“ angesiedelt und mit Dunkelheit, Nacht und Tod assoziiert wird. Der sichtbare Schatten gilt nach dem Volksglauben häufig als lebenswichtiger Bestandteil, der zum Wesen eines Menschen gehört und ihm aufgrund seiner Beweglichkeit nachfolgt und ihm vergleichbar mit dem ausströmenden Atem körperlich anhaftet. In der Ethnologie sind die Begriffe Freiseele und Schattenseele etabliert. Die Unterscheidung einer Schattenseele außerhalb des Körpers von einer Lebensseele im Körper ist ein bis weit in vorchristliche Zeit zurückgehendes Menschenbild. Der mit einer Lebenskrise verbundene Verlust des persönlichen Schattens ist ein psychologisches Grundmotiv in der europäischen romantischen Literatur des 19. Jahrhunderts.

In Zusammensetzungen wie „Schattenarbeit“ oder „Schattenkabinett“ hat das Wort „Schatten“ einen negativen Beiklang; lange Schatten können ängstigen und sind ein typisches Stilmittel mit Spannung aufgeladener Filme. Länger werdende Schatten künden vom Ende des Tages und den nahenden kalten Wintermonaten. Der Schatten symbolisiert im allgemeinsten Verständnis das bedrohlich wirkende Unbewusste.

Der Begriff „Seele“ geht von einem abendländischen religiösen Verständnis aus und wird je nach Weltanschauung mit unterschiedlichen Schwerpunkten definiert. Für die Interpretation außereuropäischer Kulturen ist dieses „westliche“, ein menschliches Individuum prägende Seelenkonzept schlecht anwendbar, weil ein sprachliches Äquivalent kaum vorkommt. Mit diesem Einwand finden sich irgendwelche Vorstellungen von Seele und Jenseits in fast allen Kulturen,[1] wobei der Tod zwar im Allgemeinen gefürchtet wird, jedoch nicht zwangsläufig eine Trennung vom Leben bedeuten muss, sondern etwa ein Weiterleben bei den Ahnen bedeuten kann.[2] Der schwedische Religionswissenschaftler Ernst Arbmann in den 1920er Jahren und andere[3] entwickelten verschiedene Modelle von Seelenvorstellungen, welche der österreichische Ethnologe Josef Haekel (1971) zu einer heute in der Religionswissenschaft allgemein angewandten Systematik zusammenfasste. Darin werden fünf Typen unterschieden, die für sich oder in unterschiedlichen Ausprägungen zusammen vorkommen können:


Freiseele in Gestalt des Ba-Vogels im Ägyptischen Totenbuch
Magische Tiere (naguals) im Codex Borgia, einem altmexikanischen Orakelhandbuch (Tonalamatl) aus vorkolonialer Zeit. Links der Hirsch des Nordens (mictlampa), rechts der Hirsch des Ostens (tlapcopa).[5] Seite 22 der Bilderschrift aus einer Reproduktion von 1898
Die mit einer Kette verbundene Figurengruppe Edan zeigt Onile, den Yoruba-Gott der Erde in seiner männlichen und weiblichen Form. Besitzt eine Schutz-, Heil- und Orakelwirkung (Brooklyn Museum).
Narziss. Caravaggio, um 1598/99 (Galleria Nazionale d'Arte Antica, Rom)